
Spannende Einblicke in die aktuelle Forschung der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt lieferte uns, Stefan Lieven, einer ihrer Wissenschaftler, in seinem Vortrag zum oben genannten Thema.
Seinen Ausführungen voran stellte er die Tatsache, dass der Mensch leider stets zur Verdrängung von Problemen neige und er deshalb immer wieder aufs Neue darauf hinweise, wie schnell und dramatisch sich das Klima verändere und wohin Europa und im Speziellen Südhessen hinsteuern.
Damit hat er wohl recht, denn gerade für die künftige Waldentwicklung sind die Prognosen nicht gut.
Die Forschung beschäftigt sich deshalb intensiv mit Zukunftsbaumarten (heimische und nicht heimische) und legt hier festgelegte Maßstäbe für deren Anbauwürdigkeit an. Ein Ausschluss-kriterium ist beispielsweise das Invasionspotential einer Pflanze, d.h. es wird darauf geachtet, dass eine nicht heimische Art sich nicht unkontrolliert verbreiten kann.
Die Forschenden legten vom Norden Deutschlands bis in den südlichsten Zipfel Hessens Versuchspflanzungen an und bewerten deren Gedeihen in regelmäßigen Abständen. Dabei führte Herr Lieven aus, dass beispielsweise auf einer Freifläche westlich von Darmstadt die neuen Setzlinge rasch anwuchsen, aber dann setzten 4 Monaten Trockenheit und Hitze von mehr als 40 Grad ein. Im Ergebnis verbrannten die Blätter regelrecht – traurig! Die Erkenntnis daraus: Wenn irgend möglich, keine Pflanzungen mehr auf der Freifläche, sondern unter einem lockeren Schirm von Bäumen, sodass im Waldinnenklima die Setzlinge mehr Chancen bekommen, groß zu werden.
Die Ergebnisse der aktuellen Forschungen „erfordern eine Neubewertung forstlicher Zielgrößen: Wachstum und Ertrag sind nicht länger alleinige Leitkriterien; vielmehr rücken Anbausicherheit, Resilienz sowie ökologische Multifunktionalität verstärkt in den Vordergrund. Trockenstresstoleranz, Widerstandsfähigkeit gegenüber biotischen Schadfaktoren und flexible Reaktionsfähigkeit auf Extremereignisse werden zu entscheidenden Qualitätsmerkmalen der Zukunft.“*
Darüber hinaus erfuhr die Zuhörerschaft, dass die Überlebenschancen von Mischwäldern, die aus mehreren Arten bestehen, steigen, insbesondere wenn Höhen- und Altersabstufungen dazukommen. Wald wird es weiterhin geben, aber wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass die Bäume aufgrund des Klimawandels nicht mehr so alt und nicht mehr so hoch werden wie wir sie bisher kennen – so die Prognose der Forschenden.
Abschließend stellte Stefan Lieven neben den selteneren einheimischen Baumarten eine Liste von aus dem Ausland (zu einem großen Teil vom Balkan, aus dem Kaukasus und um das Mittelmeer) stammenden Baumarten vor. Diese haben sich in Anbauversuchen aus vielen Jahrzehnten in ganz Mitteleuropa als Arten herauskristallisiert, die man jetzt in weiteren Probeanbauten und Versuchen näher auf ihre Eignung testen wird. Sie sollen die einheimischen Baumarten prinzipiell nicht ersetzen, sondern durch Beimischung ergänzen, um Wälder resilienter zu machen. Als Beispiele nannte er Atlaszeder und Baumhasel. Dennoch gibt es noch reichlich Unsicherheiten in den aktuellen Erkenntnissen, und die aktuellen Empfehlungen der Versuchsanstalt haben vorläufigen Charakter. Die Beobachtungen sind zu evaluieren und die Empfehlungen für Baumarten und Waldbehandlung müssen je nach tatsächlicher Eignung für die unweigerlich eintretenden Klimabedingungen in schon naher Zukunft angepasst werden.
Umso mehr ist es existentiell bedeutsam, sich für den Erhalt unserer Lebensgrundlage Wald zu engagieren und mit unserer gesamten Umwelt pfleglich, nachhaltig und ressourcenschonend umzugehen – das gilt für jeden Einzelnen!
*) Quelle: Anbauwürdigkeit und ökologische Zuträglichkeit alternativer Baumarten in Nordwestdeutschland – Stefan Lieven, Daniel Schmidt, Ralf-Volker Nagel (Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt, überarbeitete Fassung Januar 2026)
Weiterführende Informationen über die Forschung zu möglichen Zukunftsbäumen bieten die Erklärvideo der NW-FVA.
